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Aktuelle Evidenzlage
In der wissenschaftlichen Diskussion zum Krafttraining wird die Range of Motion (ROM), also der Bewegungsumfang während einer Übung, seit Jahren intensiv untersucht. Während in früheren Studien häufig untrainierte Proband:innen untersucht wurden, richtet sich der aktuelle Forschungsfokus zunehmend auch auf trainierte Sportler:innen.
Eine vielzitierte systematische Übersicht von Schoenfeld und Grgic (2020) kam zu dem Schluss, dass das Training mit vollem Bewegungsumfang (Full ROM) insbesondere bei Übungen für die unteren Gliedmaßen tendenziell zu besseren Hypertrophie-Ergebnissen führt[1]. Die Aussagekraft für die oberen Extremitäten war hingegen eingeschränkt.
📊 Full ROM Vorteile
- Leicht bessere Meta-Analyse-Ergebnisse
- Vollständige Muskeldehnung
- Kompletter Bewegungsbereich
- Traditionell empfohlen
🎯 Partial ROM (gedehnt) Vorteile
- Spezifische Schwachstellenarbeit
- Höhere Intensität möglich
- Gezielte Faszikel-Stimulation
- Praktisch oft gleichwertig
Ähnlich äußert sich eine Meta-Analyse von Wolf et al. (2023), die 16 Studien auswertete: Full ROM schnitt durchschnittlich leicht besser ab als Partial ROM, in Bezug auf Muskelwachstum, Kraft, Power und Körperzusammensetzung[2]. Die tatsächlichen Unterschiede waren jedoch statistisch klein, mit einer Standardisierten Mittelwertdifferenz (SMD) zwischen 0,05 und 0,2.
🔠Interessanter Wendepunkt
Der Vorteil von Full ROM verschwand in dieser Analyse, wenn Partial ROM gezielt im gedehnten Muskelzustand eingesetzt wurde. In diesem Fall zeigte sich sogar ein Trend zugunsten des Partial ROM bei Hypertrophie (SMD = -0,28, wenn auch mit weiter Konfidenzspanne)[2].
Einzelstudien an trainierten Personen
- Larsen et al. (2025): Zeigten bei erfahrenen Trainierenden eine stärkere Hypertrophie des medialen Gastrocnemius bei Einsatz von initialen Teilwiederholungen im Vergleich zu Full ROM mit zusätzlichem Volumen[3]
- Fredriksen et al. (2025): Berichteten bei Beinpresse-Training vergleichbare Hypertrophie-Ergebnisse bei vollem und begrenztem Bewegungsumfang[4]
Einordnung der Effektstärken - Was bedeutet „Full ROM ist besser" eigentlich?
In Meta-Analysen wie der von Wolf et al. wird häufig betont, dass Full ROM „vorteilhafter" sei, doch was bedeutet das konkret für das Training von Fortgeschrittenen?
📠Standardisierte Mittelwertdifferenz (SMD): Messbar ≠relevant
Die SMD ist ein Maß dafür, wie stark sich zwei Gruppen voneinander unterscheiden, unabhängig von der verwendeten Maßeinheit. Gemäß Cohen gelten folgende Richtwerte:
Die festgestellten Vorteile von Full ROM in den genannten Studien bewegen sich mit SMDs zwischen 0,05 und 0,2 im statistisch kleinen Bereich[2]. In der Praxis bedeutet das: Der Unterschied ist messbar, aber in den allermeisten Fällen nicht sichtbar oder spürbar.
âš ï¸ Praktisches Beispiel
Ein Zuwachs von 5% Muskelmasse bei Full ROM im Vergleich zu 4,3–4,5% bei Partial ROM würde zwar rechnerisch einen Unterschied ergeben, wäre aber für fortgeschrittene Athleten kaum relevant.
Kausalität oder Korrelation? Eine methodenkritische Betrachtung
Diese geringen Unterschiede werden häufig kausal auf die Trainingsmethode (z. B. Full ROM) zurückgeführt, doch das ist methodisch fragwürdig:
- Definitionsprobleme: Viele Studien unterscheiden sich erheblich in der Definition und Umsetzung von ROM
- Störvariablen: Bewegungsgeschwindigkeit, Volumen, Geräteeinsatz, Muskelvorspannung und Ausführungstechnik variieren stark zwischen den Studien
- Publikationsbias: Einige Meta-Analysen leiden darunter, dass Studien mit signifikanten Effekten eher veröffentlicht werden als solche mit null Ergebnis
🎯 Methodenkritik
All das erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass eine SMD von 0,2 nicht kausal, sondern zufallsbedingt oder methodisch bedingt ist[5].
Besonderheiten bei fortgeschrittenen Athlet:innen
Trainierte Personen adaptieren langsamer und spezifischer. Ein kleiner Effekt (wie SMD 0,2), der bei Anfängern bedeutsam wäre, verliert bei Fortgeschrittenen an Relevanz. Studien wie jene von Larsen und Fredriksen bestätigen: Partial ROM, insbesondere in gedehnten Positionen, kann unter optimalen Bedingungen gleichwertig oder überlegen sein.
Fazit
Die weit verbreitete Aussage, Full ROM sei grundsätzlich effektiver, basiert zwar auf Daten, diese zeigen aber nur sehr geringe Vorteile, die in der Praxis nicht zwangsläufig spürbar sind.
Besonders bei trainierten Sportlern kann eine gezielte Nutzung von Partial ROM in der gedehnten Muskelposition sogar überlegene Resultate ermöglichen.
💡 Praktische Empfehlung
Wer eine klare und praxisrelevante Trainingsstrategie sucht, sollte deshalb nicht dogmatisch, sondern kontextsensitiv mit ROM arbeiten – abhängig von Übung, Ziel und individueller Mobilität.
Quellenangaben
- Schoenfeld, B. J., & Grgic, J. (2020). Does training with full range of motion enhance muscle hypertrophy and strength? Scandinavian Journal of Medicine & Science in Sports, 30(8), 1432-1441.
- Wolf, C., et al. (2023). Effectiveness of Full Versus Partial Range of Motion Resistance Training on Muscular Adaptations. Journal of the International Universities Strength and Conditioning Association.
- Larsen, M. S., et al. (2025). Initial Partials vs. Full ROM with extra volume: Effects on Gastrocnemius Hypertrophy. Preprint.
- Fredriksen, K. S., et al. (2025). Effects of Range of Motion on Muscle Hypertrophy in the Leg Press among Trained Individuals. SportRxiv Preprint.
- Borenstein, M. et al. (2009). Introduction to Meta-Analysis. Wiley.
English Version
Although Full ROM may offer slight advantages in meta-analyses, these are very small and often irrelevant in practice. Advanced athletes may even benefit more from targeted use of Partial ROM in stretched positions. Rather than adhering dogmatically to one method, ROM should be applied contextually – based on exercise, goal, and individual mobility.
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Versión en español
Aunque el Full ROM puede ofrecer pequeñas ventajas en metaanálisis, estas suelen ser irrelevantes en la práctica. Los atletas experimentados pueden beneficiarse más del uso selectivo del Partial ROM en posiciones de estiramiento. En lugar de aplicar métodos de manera dogmática, el ROM debe utilizarse de forma contextual.
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